«Ich bin mit diesem Spital verheiratet.» Diesen Satz habe ich in meinen Coachings tatsächlich schon gehört. Und er war durchaus ernst gemeint.
Manche Frauen arbeiten seit vielen Jahren für denselben Arbeitgeber. Sie identifizieren sich stark mit ihrer Organisation, kennen die Menschen und fühlen sich verantwortlich. Wenn sie über einen Stellenwechsel nachdenken, haben sie deshalb schnell das Gefühl, jemanden im Stich zu lassen.
Das kann so weit gehen, dass sie sich gar nicht erst bewerben. Auch ein interner Wechsel fühlt sich wie ein Treuebruch an, besonders wenn die bisherige Vorgesetzte auf sie zählt oder das Team ohnehin knapp besetzt ist.
Loyalität ist eine wertvolle Eigenschaft. Problematisch wird sie, wenn Frauen daraus Verpflichtungen ableiten, die niemand ausdrücklich mit ihnen vereinbart hat. Oder wenn sie sich selbst weniger berufliche Freiheit zugestehen, als sie anderen selbstverständlich einräumen würden.
Wenn aus einem Ja eine dauerhafte Verpflichtung wird
Ein ähnliches Muster beobachte ich beim Thema Nein sagen. In meinen Workshops beschäftigen wir uns häufig damit, wie Frauen ihre Grenzen erkennen und von Anfang an klarer Nein sagen können. Dabei wird leicht übersehen, dass man auch nachträglich Nein sagen darf.
Eine Frau übernimmt eine zusätzliche Aufgabe und stellt später fest, dass der Aufwand wesentlich grösser ist als angekündigt. Eine andere engagiert sich in einer Arbeitsgruppe, in der sie vor allem Arbeiten erledigen soll, für die sich sonst niemand findet. Oder jemand erkennt, dass sie mit einer Vereinbarung übervorteilt wurde und ihre Hilfsbereitschaft ausgenutzt wird. Die Gründe können auch ganz alltäglich sein. Wir sagen einen Termin oder eine Aufgabe zu und merken erst später, dass wir uns zu viel vorgenommen haben. Vielleicht sind wir erschöpft, familiäre Verpflichtungen sind dazugekommen oder unsere Kräfte reichen gerade nicht aus. Auch dann dürfen wir absagen. Häufig genügt der Hinweis auf persönliche Gründe, ohne diese näher erklären zu müssen. Meiner Erfahrung nach wird das meistens problemlos akzeptiert.
Trotzdem fällt es vielen Frauen schwer, eine Zusage zurückzunehmen. Sie möchten niemanden enttäuschen oder als unzuverlässig gelten. Schliesslich haben sie Ja gesagt. Aber seit wann verpflichtet uns ein Ja dazu, unter allen Umständen dabei zu bleiben?
Eine Entscheidung darf sich ändern
Natürlich haben Zusagen eine Bedeutung. Andere Menschen planen mit unserer Unterstützung, und verbindliche Verpflichtungen müssen eingehalten oder neu vereinbart werden. Doch wir treffen Entscheidungen auf der Grundlage dessen, was wir zu einem bestimmten Zeitpunkt wissen und erwarten. Wenn sich Voraussetzungen ändern oder neue Erkenntnisse hinzukommen, dürfen wir unsere Entscheidung überprüfen.
Das gilt auch für die berufliche Laufbahn. Wer kündigt, obwohl das Team auf sie zählt, muss möglicherweise mit Vorwürfen rechnen. Wer intern eine andere Funktion anstrebt, enttäuscht vielleicht die bisherige Vorgesetzte. Solche Reaktionen können unangenehm sein. Sie machen die Entscheidung deshalb noch lange nicht falsch. Interessanterweise fällt es vielen Frauen leichter, eine unvorteilhafte Entscheidung weiterzutragen, als sie zu korrigieren. Sie investieren zusätzliche Zeit, übernehmen mehr Verantwortung und hoffen, dass sich die Sache doch noch lohnt. Die ursprüngliche Zusage wird zum Argument, mit dem sie sich selbst jede Veränderung verbieten.
Das Nein hinterher
Ein nachträgliches Nein braucht häufig mehr Mut als eines, das wir gleich zu Beginn aussprechen. Wir müssen erklären, weshalb wir unsere Meinung geändert haben, und aushalten, dass andere unsere Entscheidung möglicherweise nicht gut finden. Gerade Frauen, die sich stark mit ihrer Arbeit identifizieren und viel Verantwortung übernehmen, sollten sich gelegentlich fragen, wem ihre Loyalität eigentlich gilt. Dem Unternehmen? Der Vorgesetzten? Dem Team? Einer Entscheidung, die sie vor Jahren getroffen haben?
Und welchen Platz haben dabei die eigenen Interessen?
Ich halte das Nein hinterher für eines der stärksten Neins überhaupt. Weil wir damit eine frühere Entscheidung korrigieren und uns zugestehen, dazugelernt zu haben, eine Situation anders zu beurteilen oder unsere Prioritäten zu verändern.
Das kann bedeuten, eine zusätzliche Aufgabe zurückzugeben, eine Vereinbarung neu zu verhandeln oder einen Arbeitsplatz zu verlassen, dem wir uns lange verbunden gefühlt haben.
Loyalität verdient Wertschätzung. Aber sie darf uns nicht die Freiheit nehmen, unsere beruflichen Entscheidungen zu verändern.




