Die ungeschriebenen Spielregeln im Spital

Die ungeschriebenen Spielregeln im Spital

Warum fachliche Kompetenz allein Karrieren nicht erklärt

„Ich arbeite unglaublich viel. Aber ich habe das Gefühl, meine Karriere kommt nicht wirklich voran.“

Dieser Satz einer Oberärztin ist mir geblieben. Er bringt auf den Punkt, was viele Ärztinnen in meinen Coachings beschäftigt. Die Frauen, die zu mir kommen, leisten hervorragende medizinische Arbeit und übernehmen selbstverständlich Verantwortung. Sie bilden Assistenzärztinnen und Assistenzärzte aus, springen ein, wenn es nötig ist, übernehmen zusätzliche Aufgaben und sorgen dafür, dass der Betrieb funktioniert. Trotzdem stellen sie sich irgendwann die Frage, weshalb ihre berufliche Entwicklung nicht so verläuft, wie sie es sich erhofft haben.

Die Ursache für den Karrierestopp suchen viele bei sich selbst. War ich fachlich nicht gut genug? Hätte ich mehr publizieren oder forschen sollen? Habe ich eine Chance verpasst? Diese Fragen sind nachvollziehbar. Schliesslich verbringen Ärztinnen viele Jahre damit, ihre medizinische Kompetenz aufzubauen. Da liegt die Annahme nahe, dass gute Leistung früher oder später automatisch zu den nächsten Karriereschritten führt.

Meine Erfahrung jedoch ist eine andere.

Natürlich ist fachliche Kompetenz die Grundlage jeder medizinischen Laufbahn. Ohne sie geht es nicht. Sie erklärt jedoch nicht, weshalb jemand für eine Oberarztstelle angefragt wird, eine spannende Projektleitung erhält oder als zukünftige Chefärztin wahrgenommen wird.

Wer in einem Spital arbeitet, bewegt sich auch in einer Organisation. Personalentscheide entstehen nicht allein aufgrund objektiver Kriterien. Sie hängen auch davon ab, welches Vertrauen jemand geniesst, wem Verantwortung zugetraut wird und wer für anspruchsvolle Aufgaben überhaupt in den Blick kommt. Hinzu kommen informelle Netzwerke, bestehende Machtverhältnisse und die Interessen einzelner Kliniken oder Fachbereiche. Über diese Faktoren wird erstaunlich wenig gesprochen. Sie sind schwer messbar und stehen in keiner Stellenbeschreibung. Trotzdem prägen sie den Berufsalltag. Ich nenne sie die ungeschriebenen Spielregeln des Spitals. Sie sind nicht geheim. Sie werden einfach selten erklärt.

Während meiner Zeit am Universitätsspital Basel und später in einer auf das Gesundheitswesen spezialisierten Beratungsfirma konnte ich diese Dynamiken aus unterschiedlichen Perspektiven beobachten. Immer wieder fiel mir auf, dass Ärztinnen einen grossen Teil ihrer Energie in Aufgaben investieren, die für den Betrieb unverzichtbar sind, zur eigenen Positionierung jedoch wenig beitragen. Sie organisieren Abläufe, begleiten neue Mitarbeitende und übernehmen Verantwortung, lange bevor diese offiziell sichtbar wird. Diese Arbeit verdient grosse Anerkennung. Sie führt jedoch nicht automatisch dazu, dass andere ihre beruflichen Möglichkeiten erweitern oder sie bei wichtigen Entscheidungen im Blick haben.

Ich begleite aber auch Ärztinnen, bei denen ich schon früh denke: Die schafft es. Sie gestalten ihre Karriere aktiv. Sie arbeiten an ihrem Auftritt, bauen ihr Netzwerk gezielt auf, bringen sich in wichtigen Gremien ein und suchen Erfahrungen, die sie auf die nächste Funktion vorbereiten. Viele haben genauso Selbstzweifel wie andere. Der Unterschied ist, dass sie sich davon nicht aufhalten lassen. Immer wieder erlebe ich, wie ihre Karriere innerhalb weniger Jahre Fahrt aufnimmt.

Eine weitere Beobachtung beschäftigt mich immer wieder. Wer sich die LinkedIn-Profile vieler erfolgreicher Ärztinnen anschaut, entdeckt häufig ein Netzwerk mit zahlreichen Männern. Das überrascht mich nicht. Auch ich habe meine gesamte berufliche Laufbahn mit einem grossen Anteil männlicher Vorgesetzter, Auftraggeber und Entscheidungsträger verbracht. Wer Karriere machen möchte, kommt nicht daran vorbei, sich mit den Menschen zu vernetzen, die Einfluss haben und Entscheidungen treffen.

Sie warten nicht auf die nächste Bewerbung. Sie gestalten ihre Karriere lange vorher. Das hat nichts mit Selbstvermarktung oder politischen Spielchen zu tun. Es ist Ausdruck einer bewussten Karrieregestaltung.

Vielleicht ist genau das die wichtigste ungeschriebene Spielregel im Spital: Karriere beginnt nicht erst mit der nächsten Bewerbung. Sie entwickelt sich über viele Jahre. Fachliche Kompetenz ist ihre Grundlage. Wer die Spielregeln der Organisation versteht und bewusst damit umgeht, erhöht die Chancen, dass aus guter Leistung auch der nächste Karriereschritt wird.

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